Mit kreativ schreiben kann eigentlich jede Form von Schreiben gemeint sein, und das ist es auch.
Rotze
1. Aufzeichnung eines Überlebenden (Vorsicht Spoiler):
Jahr Drei. Die Rotze. Wo die Rotze 2036 herkam kann dir keiner sagen. Die Rotze kam von sonst wo her, von sonst wo aus dem Universum. In Form von Rotzetropfen. Zuerst nur wenige, das war auch nur halbwegs furchteinflößend (weil was sollen schon Rotzetropfen Schlimmes anrichten können). Dann ist der Rotzregen in Unmengen auf die Erde geklatscht, das war dann schon eher bedrohlich als bedenklich. Wo die Rotze niederschlug, liefen die Tropfen aus allen Richtungen zentral zusammen und bildeten diese wabbernden Seen, wie gigantische Schleimbeutel, flächige Rotze-Schleim-Seen. Der Rotzeniederschlag, welcher über dem Meer oder anderen Gewässern runter kam (das war erstaunlicherweise relativ wenig, oder auch nicht erstaunlich, denn die Rotze-Aliens hatten es gezielt aufs Land abgesehen), wurde angespült, und bildete erst am Ufer entlang einen Rotzeverbund. In diesem Zusammenhang gleich mal eine immens wichtige Tatsache: Rotze verträgt sich nicht mit Wasser, egal ob Salz- oder Süßwasser, oder sagen wir: mit Wasser terrestrischer Art, mit irdischer Molekularstruktur, schlicht: H2O. Dieser Fakt führt nachher auch noch zu vielen unterschiedlich Theorien, aber zunächst die Sache mit den „Rotze-Rochen“: Aus den „Rotze-Seen“, kamen nach und nach die „Rotze-Rochen“ (die Bezeichnung „Rochen“ ist selbstverständlich auf ihre sehr entfernte, äußerliche Ähnlichkeit mit den Meerestieren zurückzuführen, genauso oder zutreffender könnte man sie also auch als Quallen bezeichnen). Man sollte vielleicht dazu sagen, dass wir die Aliens als Rotze bezeichnen (sie werden aber auch Kotze, Schmodder, Grütze, Sabber, Schleim oder einfach nur Scheiße oder Dünnpfiff, oder sonst wie genannt, ich persönlich sage gerne: „Schlonz“ und nenne die Rochen entsprechend „Schlonzis“), weil wir sie hassen! und weil sie auch eine ähnliche Konsistenz wie Rotze oder Sabber haben. Ihre Viskosität erinnert vielleicht an Öl oder Quecksilber, oder an Quallen und Schleim, oder an sonst was. Ihre Konsistenz ist insgesamt diffus. Manchmal scheint sie sogar Gasförmig zu sein. Jedenfalls ist die Rotze fast klar, nur durchzogen von gelben Schlieren, und die Rotze-Rochen bestehen aus dem gleichen Zeug wie die Rotze-Schleim-Beutel-Seen (welche wohl die Basisstationen oder jetzt auch ein Zuhause bilden), nur dass die Oberflächenspannung der Tropfenförmigen, ca. zwei Meter großen Viecher wesentlich höher ist als die des Rotze-Sees, jedenfalls wenn sie freie Bahn haben, und nicht wenn sie kurzfristig wie gasförmige Gespenster zwischen Hindernissen hindurch strömen. Die Rochen sind halbwegs transparent, man kann ihre Wirbelsäule und Gräten erkennen (wobei ihr Gerüst sicherlich nicht vergleichbar mit Knochenmaterial ist, sondern eher mit schmodderigen Popelfäden), aber sie sind gut getarnt, weil der Untergrund durch sie hindurch schimmert und sie optisch mit ihrer Umgebung verschmelzen. Ihre Augen sind krass! Unheimlich. Acht Stück sind vorne an der breiten Seite angeordnet, ähnlich wie von einem Reptil, nur dass sie von Rotze verschleiert sind. Sie sind meist rötlich, aber auch mit grün, blau oder schwarzen Einschlägen. Gibt sogar bunte Versionen (man wundert sich fast, warum sich die Farben nicht ändern, wie man sich Blinklichter bei einer bunten Jahrmarktsbeleuchtung vorstellen könnte). Ihre Pupillen sind nicht deutlich zu erkennen, ein Zentrum kannst du vielleicht erahnen, aber du kannst auf keinen Fall erkennen in welche Richtung das Vieh grad schaut (wahrscheinlich überall dahin wo sich ein Mensch bewegt – da gibt’s allerdings nicht mehr viel zu sehen, bestimmt 85% der Menschen sind unter der Rotze ausgelöscht). Auch kannst du sie nicht genauer betrachten, weil sie blitzschnell sind. Wie die sich fortbewegen, ist ein weiteres Rätsel, ich glaube aber gar nicht mit kleinen Beinchen oder so, ich glaube eher mit Membranen oder sowas in der Art, vielleicht auch mit Elektroden oder Magnetismus, ähnlich wie wenn ich ein Magnet auf der Tischplatte mit einem Magnet unter der Platte bewegen kann, denn so pfeifen die Schlonzis in Schallgeschwindigkeit über die Erdoberfläche (wie früher Schwebebahnen – nur ohne Gleisen), und machen jeden Menschen platt, wobei wir noch nicht wissen, wie sie das machen. Jedenfalls machen sie jeden Menschen am Boden platt, denn das ist der entscheidende Nachteil der Rotze, die kann nicht klettern, nicht hüpfen, und schon gar nicht fliegen. Die Schlonzis können höchstens ein Stück weit durch die Luft flippern, oder an einer Mauer oder auch an einem Baum aufprallen und zwei, drei Meter nach oben flutschen, aber das machen die (eigentlich geschmeidigen) Rochen nicht gern. Direkt unter mir, hat das mal eine Schlonz-Bob probiert, und versucht nach mir – in fünf Meter Höhe – zu schnappen (oder wie man das nennen soll, nach mir zu Klatschen?), das hat er zum Glück nicht geschafft, und ich glaube dieser zurückgebliebene Schlonz-Hopper hat danach seine acht Äuglein verdreht, wie in einem blöden Slapstick Comic. Ich habe mich schlapp gelacht, ich war aber auch unfassbar erleichtert. Es ist kurios, ein so gefährliches und intelligentes Wesen so sau blöd und hilflos daliegen zu sehen. Die Rochen haben vermutlich, genau wie wir Menschen, unterschiedliche Intelligenzquotienten. Dieser Schlonz-Bob hier war besonders blöd, wenn nicht sogar besoffen. Es gibt auch geschicktere Schlonzis, welche geschmeidig an einer dicken und nach oben geschwungenen Wurzel wie auf einer Halfpipe einen Back Flip absolvieren (wenn`s wirklich blöd für dich läuft, klatschen sie dich bei diesem Move vom Baum herunter) – letztendlich landen aber auch diese Topathleten wieder zurück am Boden. Die Rotze-Aliens würde an diesem Umstand wohl liebend gern etwas ändern – zum Glück schaffen sie das seit nunmehr dreieinhalb Jahren nicht.
Leider können wir die Aliens nicht nach ihrer Meinung fragen, denn Kommunikation scheint mit ihnen unmöglich zu sein. Wir haben alles versucht. Zwar sind sie offensichtlich sehr intelligente Wesen, sie kommunizieren untereinander, wahrscheinlich über elektrische Signale, oder irgendwelche Impulse, aber jeder Versuch mit ihnen in Dialog zu treten, blieb (jedenfalls meines Wissens nach) erfolglos. Die Rochen, so wie die Seen selbst (ihre Mutterschiffe), werden temporär durchzogen von einem bunten Flimmern, ähnlich einem Blitzgewitter, nur verschwommen, und die Vermutung ist, dass sie so kommunizieren, oder dass das Flimmern zumindest mit ihrem Kommunikationssystem zusammenhängt. Und sie sind nicht nur intelligent, sondern haben auch ihre eigenen Kulturen. Sie scheinen sogar regelmäßige Feste zu feiern, denn in Abständen von ca. 90 Tagen strahlen die Seen für ein paar Tage und Nächte so stark, dass der ganze Himmel bunt leuchtet. So ein Ritual (ähnlich einem Sonnensturm mit Polarlichtern) deutet doch auf irgendeine Art von sozialem Verhalten hin, oder? Vielleicht ist das aber auch nur ein Anzeichen oder ein Nebeneffekt einer Energiefreisetzung oder sogar eines außerirdischen Fortpflanzungsakt – also vielleicht gar nicht sozialer Natur, sondern äußerst primitiv – wer weiß schon, was in diesen Aliens vor sich geht?
Die Rotze-Seen haben sich jedenfalls in den letzten drei Jahren weiterentwickelt und vor allem verbreitet, sie bilden untereinander eine Infrastruktur aus Rotzearmen, wie auch immer man das nennen möchte: aus Schlonzetrassen, wie Pilzsporne oder Spinnen strecken die Rotze-Seen ihre schleimigen Netze über den Erdboden aus, und verbinden sich somit untereinander. Ein weitverbreitetes, pulsierendes Rotzenetz erstreckt sich bereits über die Erdoberfläche. Zum Glück schafft es die Schlonze nicht, die gesamte Erdoberfläche zu bedecken und zu beherrschen. Eindeutig steht ihr dabei das abstoßende Verhältnis zu Wasser im Wege. Zwar konnte die Rotze erfolgreich einzelne Strukturen von Flora und Fauna zu ihren Gunsten anpassen – denn man kann eindeutige Veränderungen von Pflanzen und Insekten sowie vereinzelten Säugetieren wahrnehmen (das ist keine Einbildung, bei mehr Interesse an diesem Thema bitte ich fundierte Recherchen zu lesen) – aber eine Übernahme der gesamten irdischen Strukturen bleibt der Rotze verwehrt. Den endgültigen Kampf gegen die Schwerkraft und irdische Formen – vor allem von H2O – kann die Scheiße offensichtlich nicht gewinnen.
Als die Menschen noch einigermaßen handlungsfähig waren, hat man die Aliens zunächst versucht mit Wasser zu bekämpfen, weil das irgendwie am Naheliegendsten war: Einfach den Schmodder herunterspülen. Die Feuerwehr und sonstige Wasserwerfer waren damals jedenfalls gut beschäftig, und theoretisch würde die Bekämpfung der Aliens mit schier unendlichen Wassermassen auch funktionieren, aber die Rotze zieht sich von den kräftigen Wasserstrahlen einfach unbeschadet zurück, und wenn das Löschwasser leer ist, dann tauchen die Schlonzis ganz gemütlich wieder auf, wie nach einem harmlosen Kindergeburtstag mit Wasserschlacht – fast schon gut gelaunt, vielleicht etwas genervt. Wasser wirkt auf Rotze also nicht toxisch, wie Salzsäure, sondern lediglich abstoßend – Wasser scheint halt ein bisschen nervig zu sein, wie ein nasses T-Shirt oder ein leichter Sonnenbrand, aber ansonsten harmlos.
Natürlich hat man damals – gleich nach der sinnlosen Wasserschlacht – versucht die Schlonze abzufackeln, aber keine Chance: Der Schleim ist absolut Feuerresistent, und darüber hinaus war die Scheiße sogar glücklich über die zahlreichen Flammenwerfer-Attacken, als würden die Aliens ein Sonnenbad nehmen und Energie daraus ziehen.
Am Ende kam selbstverständlich die Atombombe, super Idee! Atombombe ist „Am Ende“ immer sinnvoll – aber natürlich fühlen sich die Aliens in atomaren Gebieten ganz besonders wohl, die blühen darin hervorragend auf, als hätte man ihnen das verstrahlte Gebiet super schön heimelig eingerichtet, oder den roten Teppich in den Palast der Glückseligkeit ausgelegt.
2. Anatol Weiz – 04/2036
Ein Gedanke weckt mich: Ich habe sie geküsst. Ich erinnere mich kaum. Sie war groß, und ungelenkig. Ich setzte mich ruckartig auf. Kopfschmerzen habe ich nie. Nur selten, ein bisschen. Mein zweiter Gedanke: Ich habe eine Fabrik gekauft; der Notar ist mir noch präsent: blasser Kerl mit „Schnecken-Händen“ und Anzug, in langweilig-überlegener Akademiker-Aura, die Spitze war aber die leicht rötlich getönte Brille.
„Wissen Sie Bescheid, über alles?“
Ich war frech und voll jugendlicher Naivität, fast unangebracht selbstbewusst: „Ja… schon.“
„Ich meine nicht nur die Einsturzgefahr! Ich meine: Die Schadstoffe, die Bodenbelastung, die Lage im Außenbereich, im Naturschutzgebiet.“
„Ja“
„Kein Wasser und Abwasser, kein Strom!
„Das weiß ich“
„Und all die Auflagen und Vorschriften – Die Verantwortung und Verpflichtung?“
„Ja, Verantwortung und Verpflichtung, ich weiß.“
„Kein Internet, nur Skyline!“
„Das geht in Ordnung.“
„Die Moskitos und Zecken!“, er stellte keine Fragen, er stellte fest.
„Ja, ich weiß Bescheid. Ich studiere Umwelttechnik.“
„Ach ja, ich vergaß, sie studieren Umwelttechnik“, sagte er und nahm vielleicht seine Brille ab, „Ich hoffe wirklich, dass Sie sich nicht in den Ruin bringen!“
Scheiße, denke ich bei den Gedanken an das Gespräch und meine Unterschrift. Ich zerknüll das Kopfkissen. Ich Idiot. Mir ist nicht zu helfen. Also zurück zum ersten Gedanken, der ist mir lieber: Ich habe sie geküsst.
Wie jeder Mensch taste ich zuerst nach meinem Handy: Keine Nachrichten (kein Wunder, ich habe keinen Messenger). Keine Anrufe, kein Stress. Aber ich selbst habe 23-mal eine unbekannte Nummer gewählt, scheinbar vergeblich. Als ob ich nicht genug Probleme hätte. Auf die Reaktionen bin ich gar nicht gespannt – also auf keine Reaktion, insgesamt, auf mein Handeln und Denken. Auch nicht auf das Geschriebene hier.
Auf das Blechdach prasselt Regen. Oder Hagel? Jedenfalls ein willkommener Sound, um vier Uhr morgens. Hinter den Vorhängen Dunkelheit. Neben dem Bett steht noch das Bier. Kaum ein Schluck getrunken. Ich habe sehr viele Probleme, aber Der Alkohol ist mein größtes – vielleicht der Auslöser von allen anderen.
Ich ignoriere voll Ungeduld die vielfältigen Stolperfallen im Dunkel, auch das Klirren und Poltern. Denn: „Regen um vier Uhr morgens erlebt man nicht alle Tage, das darf ich nicht verpassen.“
Meine Devise: „Wenn du alles verkackt hast, bleibt dir immer noch der Regen – oder Hagel!?“
Es hört sich komisch an.
„Oder weder noch“, denke ich. Ich stehe unter dem schmalen Vordach mit Zigarette und Bier. Mich verwundert gar nichts mehr, aber das hier ist weder Hagel noch Regen und auch nichts dazwischen. „Jetzt bleibt mir weder Regen noch Hagel,“ denke ich. Oder sage ich: „Und auch nichts dazwischen.“ Ich bin zu müde für weitere Gedanken.
Als nächstes weckt mich mein Handy selbst, hell, fast grell hinter den Vorhängen. Es ist nicht die unbekannte Nummer, nein, und auch nicht der wilde Osten.
„Jah!?“
Sie, erbarmungslos: „Biste wach?“
Ich, schlagfertig: „Klah, natürlich bin ich wach, hellwach und aufmerksam, wie eh und je, und du?“
„Ich hab dich geweckt, das hör ich doch. Aber egal, is ja noch nich ma Mittag. Kannst gleich weiterschlafen. Wie wars am Arsch der Welt ohne Handy?“
Ich schweige und sage: „Es war gut, erholsam. Für Notfälle wäre ich erreichbar gewesen, das weißt du genau. Gab es einen Notfall?“
„Nein, schon gut. Haste heute keine Vorlesungen?“
„Doch, vielleicht, log mich gleich ein. Was kann ich denn für dich tun?“
„Kannst du zum Kinderarzt gehn?“
„Wieso?“
„Mir gehts nicht gut – kaum geschlafen.“
„Oh, das tut mir leid. Und wieso zum Kinderarzt? Wie gehts Ihm?“
„Schön, dass du doch noch nach ihm fragst.“
„Ja klah!“
„Er braucht kein Schlaf, ihm geht’s hervoragend, aber heut ist doch die Untersuchung!“
„Welche Untersuchung?“
„Die U5, mein Gott!“
„Die U5! Na klah, die U5! Natürlich, ich kann dahin, mit ihm. Ich freue mich. Dann kannst du dich ausruhen.“
„Mal schaun. Weißte wo das ist?“
„Natülich, weiß ich… wir waren da zusammen – vor Kurzem.“
„Schön, dass du dich erinnerst. Ist aber schon länger her, war bei der U3“
„Ja, genau, bei der U4 habe ich mich gedrückt“
„Fangen wir nicht damit an“
„Ja, besser nicht. Wo war das nochmal?“
„Am Herrmannplatz“
„Ja, am Herrmannplatz! Das war was, wir drei am Herrmanplatz. Die guten alten Zeiten, damals hat der Kleine noch gut abgeschnitten. Bin gespannt auf die neuen Ergebnisse… jetzt, wo er gechipt und geimpft ist.“
„Hör damit auf, verdammt, das haben wir hinter uns.“
„Ja, das haben wir hinter uns. Also: Die U5 ist sehr wichtig.“
„Mach dich bitte nicht lustig, hier geht’s nicht um Überwachung oder so.“
„Ja, schon klar. Es geht nur um seine Gesundheit.“
„Ach, was erzähl ich dir noch?“
„Hoffentlich alles. Kannst du mir nochmal die Adresse schicken, bitte?“
„Ganz einfach: In Fahrtrichtung hinten einsteigen, dann am Herrmannplatz (logisch) links hoch, und gerade aus, die erste links, Herrmannstraße 14 – kann man sich leicht merken. Du weißt schon, da im Hinterhof…“
„Habn die da Parkplätze? Ich hab nämlich ein Auto – mit Schlüssel.“
„Du, ein Auto? Von wem hast Du ein Auto – mit Schlüssel?!“
„Von nem Freund.“
„Was für ein Freund, was für ein Auto?“
„Ein Golf Kombi. Kann ihn die ganze Woche habn?“
„Kannst du fahn? Ich weiß gar nicht, ob man da noch Autofahren darf.“
„Ja, natürlich kann ich fahren! Herrmannplatz ist außerhalb vom Ring, da darf man doch fahn, oder?“
Sie weiß hoffentlich noch nicht, dass mir meine Lizenz entzogen wurde. Das kann sie nicht wissen, so eine Lapalie. Zum Glück ist der Oldtimer nicht auf mich registriert.
„Und kann die alte Karre fahren?“
„Ja, natürlich kann die Karre fahren, die ist von 2020 – `BC` Charlie! Da war die Welt noch in Ordnung.“
„Alles klar du Held! Welche Farbe hat er?“
„Welche Farbe?! Ein großartiges Grün, sieht klasse aus!“
„Grün! Großartig, Bombe! Und hat er auch so ein Klick-Ding, ein Easy-Fix für den Maxi-Cosi?“
„Easy, ja. Ja-nein, weiß ich nicht, aber ich weiß auch so, wie man das Ding sicher anschnallt. Bombensicher!“
„Bombensicher? Na gut, das werd ich überprüfen – müssen.“
Ja, denk ich mir, wenn du die Kraft und Nerven dafür hast. Und ja: Ich bin unfair. Ein Arschloch – vielleicht.
Sie überlegt: „Ich glaub, in der Stadt darf man nur noch als Anwohner fahren.“
Ich stöhne: „Ach Gott. Vielleicht fahr ich doch öffentlich. Wann ist der Termin?“
„Dreizehn. Uhr. Vierzig. Zwanzig. Vor. Zwei.“
„Das schaffe ich, so oder so… warte mal kurz… so ein Lärm da draußen… und ich werde angerufen, ich komme zu dir – Punkt Eins! – macht euch bereit. Ciao.“
Es ist wieder nicht die unbekannte Nummer, ne ne, keine Unbekannte, die kenn ich. Es ist Colette (soviel sei vorweg gesagt: Ja, es tut immer noch weh. Und nein, Colette und meine Schwester sind kein Paar). Immer Alle Gleichzeitig. Keine Zeit zum Durchatmen. Aber ist doch egal, ich habe eine Fabrik.
Ich melde mich erwartungsvoll und entspannt: „Hi, hallo, wie geht’s?“
Sie, misstrauisch und lieblos: „Haste telefoniert?“
„Nein, nei-hein!“, beschwöre ich kräftig, oder doch eher leidenschaftslos, „jetzt telefoniere ich! Mit dir!“
Ich schiebe die Vorhänge zur Seite, grelles Sonnenlicht, und von draußen kommen unbekannte Geräusche, Motorenlärm oder so. Ich bin geblendet und kann nichts sehen.
„Ach, hör doch auf, merk ich doch an deiner unschuldigen Stimme, wie immer, wenn du mich anlügst – wenn du mit ihr telefoniert hast.“
„Na gut. Warte mal kurz, da ist so ein Lärm…“
Über meiner kleinen Hütte rattert es tatsächlich wie `69 am Himmel von Saigon. Ich gehe in den Hof, und sehe über mir wahrhaftig ein Geschwader aus fünf Helikoptern hinwegrauschen. Dann noch ein Geschwader von fünf Helikoptern. Die fliegen ja wie am Schnürchen, denke ich.
„Was ist denn los?“, fragt Colette neugierg in mein Ohr.
„Endlich: Der 3. Weltkrieg“, behaupte ich sarkastisch und gehe wieder rein und verschließe die Tür – so gut es geht.
„Hör auf. Und du musst mir nichts vormachen. Du lügst ohne Grund.“
Ich „Ich bin Pseudologe, das ist so in mir drin.“
Sie „Dann hol das aus dir raus. Wie war es an der Ostsee?“
„Es war schön, super erholsam. Ziemliche Idioten dort, aber schön. Viel Natur!“
„Schön. Erzähls uns wann anders.“
„Wie war Tokio? Ist Lisa zurück?“
„Sie bleibt noch, musste verlängern. Arbeitest du heute?“
„Ja, am Abend. Wie gehts dir?“
„Ahrgh… Nicht so gut.“
„Hast du Wehen?“
„Neee, nur der Rücken und alles halt. Du hast mir einen Elefant eingepflanzt. Oder mindestens einen Riesengorilla, einen Silberrücken aus dem Kongo! Er trommelt wie irre.“
„Oh, wie aufregend“, sage ich völlig unpassend, „aber ist das politisch korrekt? Ein verrückter Elfefant, ein kongolesischer Gorilla. Ich werde mit ihm durch den Dschungel reiten, und gigantisch-monumentale Fassaden hochklettern. Aufs Empire State Building – wie King Kong. Ich war leider noch nie im Kongo und auch nich in New York“, rede ich weiter ohne lustig seien zu wollen, machmal bin ich ohne Sinn und Verstand, aber ich denke mir: naja, so einseitig kann man das nicht darstellen: „…hast DU – MIR eingepflanzt…!?“, es gehören immer zwei dazu, in meinem Fall sogar drei, bald sind wir zu fünft – zu sechst sogar, wenn man Lisa mitzählt – immerhin ist sie meine Schwester.
Colette ist hetero orientiert, bei meiner Schwester bin ich mir nicht so sicher (hinter ihrer stukturierten, schwarz-weißen Fassade herrscht absolutes Chaos). Beide wollen unabhängig bleiben, keine feste Beziehung. Sie haben eine Wohngemeinschaft und wollen sich um das Kind kümmern. Das hat sich alles so ergeben. Ungeplant. Hier ist nichts konstruiert. Es kommt immer alles anders als man denkt – wirklich ganz anders!
Schuldgefühle habe ich trotzdem – immer. Wie soll das weitergehen? Warum hat sie sich auf mich eingelassen? Wo soll das Alles hinführen? Von wem ist die verdammte Nummer? Habe ich sie echt geküsst? Ist sie danach einfach verschwunden? Woher habe ich dann ihre Nummer? Warum habe ich eine Fabrik gekauft?
„Meine Schwester ist in Tokio, alles klar. Kann ich dir helfen?“
„Ja! Einkaufen.“
„Einkaufen? Krass, was ist mit `PrimeAir`?“
„Hab ich schon versucht. Heute fliegen keine Drohnen… irgendwas wettermäßiges…“
„Oh, da freue ich mich, keine Drohnen. Oldschool. Ich liebe Einkaufen. Das Wetter ist echt komisch, hmm? Und warum dürfen verdammte Riesen-Helikopter fliegen, ganze Schwardronen, hmm? Schweigen“, sage ich und sie nichts, „Egal – keine Verschwörungstheorien, ich weiß. Schick mir eine Einkaufliste. Oder besser: Schreib mir eine Liste. Auf altes Papier, mit Kugelschreiber! Schreib ruhig eine lange Liste. Schreib klein und krakelig. Und auch noch was auf die Rückseite… und kreuz und quer dazwischen. Ich hab nämlich ein Auto!“
„Pfff, woher hast du bitte ein Auto, von Toni? Was willst du mit nem Auto? Abhauen? Du hast kein Geld, und nicht mal einen Führerschein, schon vergessen?“
„Ich hau nicht ab, keine Angst. Geld, ja, ähm, kannst du mir Kohle zum Einkaufen leihen… geben? Ist grad knapp. Und der Führerschein? Ja, der ist jetzt ma nebensächlich. Der Wagen ist Spitzenklasse, ein Oldie ohne Schnickschnack, schlicht und robust, eine klassisch-wunderbare Familienkutsche, total unauffällig, und zusätzlich getarnt, mit wunderbaren Blass-Grell-Grün getarnt. Ein Oldtimer mit `H`-Kennzeichen. Damit darf man überall hin fahn – obwohls ein Verbrenner is. Das bedeutet Freiheit!“
Langsam, denke ich, langsam vergeht mir die Lust am Autofahren, verdammt.
„Du bist soo authentisch.“
„Is nen Kombi mit gigantischen Kofferraum.“
„Mit Platz für nen Doppelkinderwagen, hä?“
„Ähh puhh, ähh nö, oder vielleicht, aber wahrscheinlich nicht.“
Solche Fragen nehm ich ernst und muss überlegen: Doppelkinderwagen? Vielleicht; aber wahrscheinlich nicht.
Sie „Ich würde ja selber Einkaufen gehen, aber-, aber ich-„
„Ne, lass ma, ich kann gehen, -kann dir eine ganze Tonne Vanille Eis holen.“
„Igitt, Vanille.“
„Gut, kein Vanille, verstanden. Bähh. Aber vielleicht ein Bananensplit oder Spaghetti-Eis für unseren lieben Silberrücken?“
„…is doch beides mit Vanille!“
„Egal, dann ein gemischter Fruchtbecher, ohne Vanille, mit viel Vitaminen, getränkt in Schokosauce.“
„…schon besser, ich schick dir Paloney.“
„Danke. Ich freue mich schon.“
„Worauf?“
„Mit unserem Gorilla rumzufahren. Endlose Straßen entlang mit Rolf Zukowski auf voller Lautstärke: Ich schaff das schon, ich komm schon wieder auf die Beine“
„Never ever, wie sollt ich Dir vertraun? Dem verantwortungslosesten Mensch, der je das Licht des Lebens erblickt hat.“
„Der Welt. Ja. Schon gut. Ich werd dann den Kinderwagen nehm und geh alles zu Fuß – ohne Schlangenlinien, versprochen. Währenddessen könnt ihr eure Pläne schmieden. Wir sind ein Team, nicht vergessen!“
Sie stöhnt nur lang und seufzt.
Mein Handy klingelt im Hintergrund. Wie praktisch wären manchmal Sprachnachrichten, oder diese neuen Airchats.
„Oh scheiße, mein Vater ruft an.“
„Bei dem gehst du doch nie ran – sagt Lisa.“
„Pah, das behaupten die zwei immer – das stimmt aber nich. Ich geh immer überall dran.“
„Ja, ja, Charlie“
Charlie sagt alles.
„Ich bin um `Elf Einhundert` bei dir! Ich brauche leider dein Mobilchip, `Paloney` geht bei mir irgendwie nich. Also. Bis gleich.“
„Okay, bis nachher.“
„Ciao Bella.“
Mein Vater ruft tatsächlich an. Pah, egal! Wenn die immer noch behaupten, dass ich nie dran gehe, warum sollte ich dann dran gehen. Ich soll sowieso nur seine Blumen gießen, oder so, bei dem ist immer alles verkalkt.
Einkaufen finde ich super, Einkaufen macht Spaß (wenn man Geld hätte). Und der Golf ist super (wenn der Tank voll sein sollte). Der Golf fährt. Natürlich fährt der Golf! Jeder Golf fährt. Vorwärts, Rückwärts. Mit Chip, ohne Chip – mit Lappen oder ohne Lappen. Der Tank ist garantiert voll. Auf Toni ist Verlass! Außerdem fahre ich so sicher und unauffällig, wie ein Leopard im Dschungel. Keiner hält mich auf, bestimmt nicht, und erst recht keine Gesetze und Regeln. Ich freue mich auf eine Spritztour. Ich freue mich auf das Einkaufen. Ich freue mich auch auf den Kinderarzt. Ich freue mich auf die lange Schlange an der Supermarktkasse (weil die Drohnen nicht fliegen) und das weiße Wartezimmer mit den sterilen Farbkleksen (so leblos wie Desinfektionsmittel). Ich freue mich riesig auf die alten Omas mit ihren davon rollenden Pennys. Auf rotzende Kinder die kotzen. Geschleckte Spießer mit digitalen Payback-Karten. Gestresste Eltern grummeln, schnauben, schreien, und machen ihre Babys zur Sau: „Nicht die Milch am Hemd abputzen!“. So endlos viel Normalität! Das ist toll. Ganz toll. Mein ungeborener Gorilla bekommt Schoko Bananen. Mein kleiner Babutzi bekommt Bestnoten bei der U5.
Ich scheiß auf Geld! Auf Gesetze und Noten! Ich bin Fabrikbeitzer! Ein verdammter Großmogul.
Von dem Regen, oder dem Hagel, oder dem dazwischen (atomarer Fallout?), ist keine Spur mehr zu sehen. Der weite Hofplatz ist trocken. Nur ein paar Pfützen – wie kleine Biotope mit Unkraut umrandet: Oasen in Asphalt. Der Himmel ist blau, die Sonne in weißer Glut. Der Platz ist trocken und leer. Die Werkstatt hat die Woche geschlossen. Wegen der Beerdigung. Tonis Mutter ist gestorben – endlich. Deswegen kann ich den grünen Golf haben. Die Beerdigung ist in Kosovo-Albanien. Die endlos lange Fahrt hätte der Golf nicht gern gemacht. Der fährt lieber mit mir. Die kurzen Strecken. Down the Road, Into the City.
Ich öffne das Tor zur Hofeinfahrt, und denke: Jetzt steht mir die ganze Welt offen.
Der Golf hat kein Radio. Ich hasse Radio. Nichts auf der Welt ist so unerschütterlich stehen geblieben, wie das Radioprogramm (sogar die Behörden entwickeln sich schneller – wenn auch rückwärts). Wenn mal ein zurückgebliebener Hörer im Radio anruft und feiert: „Euer Programm hat heut mein Tag gerettet“, dann lassen sie die Tonaufnahme hundertfünfzig Stunden in Dauerschleife laufen, bis der Typ den Tag wieder verflucht. Aber heute würde ich gerne Radio hören. Mich würde interessieren, ob diese Radio-Kanalien was über diesen komischen Regen zu berichten haben. Die Drohnen fliegen nicht? Dürfen nicht? Die können sonst immer fliegen. Äußerst merkwürdig. Radio-Sender berichten doch über so lokale Phänomene, wie: „Ein Wolf wurde im Wald gesichtet, er war groß und grau. Äußerst Merkwürdig war auch, wie er da zwischen den Bäumen stand…“. Damit halten die sich doch über Wasser. Ohne Radio verpasst man Alles (vor Allem ich, der Letzte meiner Generation ohne Sozial-Media, ohne X). Ich werde panisch und zittrig, überhaupt bin extrem ungeduldig, permanent unruhig und aufgekratzt (aufs Handy würd ich trotzdem niemals zurück greifen). Was war das heute Morgen nur für ein Wetter-Phänomen? Ein Traum? Eine Halluzination? Wo wolln all die Helikopter hin? Ist meine Realität verschwommen? Wo ist das scheiß Radio? Pech gehabt: Kein Radio, Keine Infos. Sowas Blödes. Ein Auto ohne Radio, verdammt. Ist hier nicht irgendwo ein Radio? Ein Empfänger zur Außenwelt? Hinten vielleicht? Nein, auch nicht auf der Rücksitzbank. Nirgends. Aber die Tankanzeige steht auf Reserve. Toni, du Penner! Von wegen „Fast vollgetankt“, vor `ner Weltreise vielleicht. Aber egal, es ist Monatsanfang. Anfang April. April, April. Der April macht, was er will. Das ändert sich niemals. Und ich auch. Dann kauf ich mir halt ein paar Kanister Sprit im Baumarkt. Die Welt steht mir offen. Mir und dem Golf. Auf mich wartet die Freiheit (aber zur Sicherheit packe ich noch meinen E-Scooter in den Kofferraum – zur absoluten Sicherheit. Denn ich komme nie zu spät, meine einzige Regel).
Nicht nur das Auto bedeutet Freiheit (merkt man ja), ich habe eine Fabrik gekauft (hahahaa). Heimlich. Keiner weiß davon. Die dachten, ich mach Urlaub an der Ostsee. Ihr seid alle Ahnungslos miteinander. Tausend Euro hat die Fabrik gekostet. Eine Symbolzahlung. Trotzdem viel Geld für mich. Aber nur sehr wenig Geld für so viel Freiheit. Freiheit in meinem Kopf. Geschenkt. So ein großes Gelände, unendlich weit, mit dieser gigantischen Ruine. Ach was, eine Ruine: Ein ganzes Ruinen Areal, ein monumentaler Schrotthaufen! Mitten im Nirgendwo. Tief im Osten. Mitten in der Natur. Versteckt unter braunem Laub und verbitterten und verblödeten Nazis. Ach ja, die Nazis, auch nur Menschen. Wenigestens nur wenige Menschen. Und dann noch der Fluss, als breite Grundstücksgrenze. Wasser ist Leben. Von Natur aus bin ich ein frölicher Mensch. Gefühlvoll und Freiheitsliebend. Ich bin frei. Ich fühle mich gut. Doch ich habe ein schlechtes Gewissen. Tief drin. Wegen meinen Kindern? Ja, vielleicht. Wegen meinen Frauen? Ja, vielleicht (aber ich werde für sie da sein, komme was wolle). Wegen dem Kuss? Nein, eher nicht. Wegen der Fabrik? Nein, wieso? Wegen dem Trinken? Ja, auf jeden Fall!
Und wegen Geld? Ja, schon, aber egal, Geld ist nur Geld.
Das bekomm` ich alles in Griff. Fühl dich frei! Ich schaff das ganz alleine.
Die Fabrik, mein Traum. Und daneben fließt der Fluss. Kaltes, klares Wasser. Nur ein bisschen braun, nur ein kleines bisschen getrübt…
…ich höre auf zu trinken.
Ich werde ein guter Vater sein – auch wenn… oder weil ich ein Chaot bin.
Ihr werdet sehn.
3. Aufzeichnungen (handschriftlich) – Jahr Eins. Fehlende Wartung.
Nicht den Boden berühren. So what? Geht doch eh keiner mehr vor die Tür. Alle lassen sich nur noch durch die Luft bedienen und Maschinen die Arbeit machen. Kein Thema also. Denkste. Aber lass mal ein Atomkraftwerk hochgehen, dann ist Ende Gelände. Oder lass ein kleines, schickes, autarkes Biomassekraftwerk explodieren. Ja klar, kannst dir ein neues kaufen, alles kann man neu kaufen. Aber was, wenns kein neues schickes Biokraftwerk mehr gibt? Ende. Oder lass mal nur ganz kurz ein, zwei, drei klitzekleine Kraftwerke ausfallen, nur wegen `ner falschen Fehlermeldung, und weil niemand mehr hinmaschiert um auf „Reset“ zu drücken, dann steht der Blackout vor der Tür. Ist schon klar, selbst dieser kleine abgesicherte rot Knopf mit Fingerabdrucksensor könnte durch `ne Fernbedienung betätigt werden, und oder ein Einsatzteam aus Drohnen könnte auch einen defekten FU*Frequenzumrichter autauschen, oder einen vermaldeiten Keilriemen neu aufziehen, aber lass dann mal das ganze Stromnetz zusammenbrechen. Päm, alles dunkel. Was machst du mit der Fernbedienung wenn die Batterie leer ist? Womit sollen die Drohnen noch fliegen, ohne Saft in der Kiste? Ohne Batterie kannst du auf `nem Keyboard nur noch lautlos spielen. Ohne Strom macht die Drohne Plums, und aus ist.
Jetzt gibt’s noch die vorausschauenden Menschen, u.a. sogenannte Prepper, die auf alles vorbereitet sind, klar, aber gerade denen müsste klar sein, wie wichtig z.B. die Wartung und Pflege von technischen Anlagen ist. Hör dir mal auf die Zähne zu putzen, dann kannst du irgendwann nicht mehr kauen. Hör mal auf ein Getriebe zu schmieren, dann dreht sich irgendwann gar nichts mehr. Stillstand, und du kannst auch nicht schnell mal rüber laufen und bisschen Butter drauf schmiern um das wunderbare Windrad wieder anzuschubsen. Und ohne Ersatzteile, biste eh geschmiert. Dann kannst auch du selbst keinen FU mehr wechseln, weils keine FUs mehr gibt, oder sie zumindest nicht mehr geliefert werden.
Deswegen haben auch die hochentwickelten Länder zuerst abgekackt…..
4. Awan Weiz 05/2056
„Ein neuer Tag im Paradies“, ruft mein Bruder Lones und erwartet den Wiederhall vom hohen Gewölbe. Unser Paradies ist eingeschränkt, wie uns das dumpfe Hallen bestätigt.
„Kein Paradies ist grenzenlos“, sage ich allwissend.
Wir eröffnen die Morgenrunde in unserer eigenen Arena: Das erste Obergeschoss zählt zwar strenggenommen zur Sperrzone (weil die Gefahr vor Der Rotze doch relativ hoch ist), aber wir zwei sind so unaufhaltbare Freigeister und mittlerweile fast priveligiert, denn wir dürfen das Geschoss nutzen, nicht nur um den gewöhnlichen, statischen Kontrollrundgang zu machen (weil diese dicken Wände immerhin unser Fundament bilden). Auch sollen wir in desem gigantischen Luftraum „Fortbewegungsmittel“ entwickeln, wirklich alle erdenklichen Sachen, vom Schnürsenkel bis zum Bungeeseil, wir werden vom Seiltänzer zum Brückenbauer und vom Ninjaworrior zum Rollstuhlfahrer (dabei wird zumindest unserer Fantasie keine Grenzen gesetzt). Das ist also nicht nur ein Vorwand, um uns hier auszutoben, sondern wertvolle Entwicklungsarbeit.
„Welches Band reißt zuerst…“ sagt mein Bruder und ich beende den alten Spruch von unserem Vater: „…und welche Brücke trägt am längsten?“
Mein Bruder und ich lieben den Geruch, die Stille und Weite, wir lieben den Staub und die Pfützen, und wie das Morgenlicht durch die zersprungenen Milchglasfenster eindringt. Das Träumen von Grenzenlosigkeit. In dieser Fabrikhalle haben wir mittlerweile unseren eigenen Parkour der Freiheit aufgebaut. Teilweise sind die konstruierten Hindernisse nur als Tandem zu überwinden. Die notwendigen und meist improvisierten Sprünge würden wir uns in freier Wildbahn niemals trauen. Aber hier schleudern wir uns durch die Gegend, ohne Sinn und Verstand. Ohne Angst vor dem Absturz in den Rotz. Wir fliegen durch die Luft, wie Fledermäuse ohne Ohren. Wir brettern über die Brücken und Hürden, dass es nur so kracht und donnert. Nicht selten landen wir auf den harten Boden und reiben uns die Haut auf. In einem Zirkus würden wir eine planlose und rustikale Show vorführen. Ein zimperliches Publikum würde vor Anspannung durchdrehen.
Aber heute Morgen bin ich Gedanken verloren und schwinge mich nur wie ferngesteuert durch den künstichen Dchungel.
Mein kleiner Bruder schreit: „Aufwachen!“
Ohne Ankündigung fliegt er mir entgegen, und will, dass ich ihn einarmig auffange und herumkatapultiere, oder so, vermutlich so, dass er an die neu konstruierte Seilbahn springen kann. Aber nicht mit mir, nicht heute. Darauf bin ich jetzt nicht vorbereitet. Ich schüttle den Kopf, und so schwingt er sich, grad im letzten Augenblick, an einer senkrechten Stange, weg von mir in die entgegengesetzte Richtung. Während er sich rückwärts in ein Netz wirft, schreit er mir zu: „Warum so träge alter Mann, schon am frühen Morgen?“
Ich lass den Kopf hängen, während ich tatenlos an einem Seilzug von der Decke baumel.
„Heute nicht.“, nuschel ich, „Mir geht zu viel im Kopf herum. Viel zu viel! So viel, dass ich eigentlich gar nichts mehr weiß.“
„Wegen dem Besuch gestern? Das war alles schon wirklich komisch, oder?“
„Ja, schon.“
„Tante Linsa macht einen komischen Eindruck, oder?“
„Ja schon, aber nein, nein, nicht deswegen“, und damit hat es eigentlich echt nichts zu tun, „Ich muss den Kindern heut vom Rotz erzählen,“ sage ich erschöpft, „der Unterricht geht sonst nicht weiter.“
„Na und, was ist so schlimm daran? Sie wissen doch eh Alles.“
„Ja, schon, ich weiß nur nicht, wie viel ich ihnen von Davor erzählen soll.“
„Achso“, sagt er nur.
„Sie wollen eine Erklärung“
„Die wollen wir alle.“, er will mich aufbauen und bestärken: „Ach, du kannst das schon, du findest immer die richtigen Worte“
Er ist der Macher, ich bin der Denker.
Wir machen weiter mit ein paar entspannteren Übungen. Wir schwingen uns und schweigen – wie immer wenn es schwierig wird. Wir hangeln uns gemächlich und ohne große Anstrengung durch die Halle.
„Davor müssen die Mensch in so einer sorglosen Art im Morgengrauen über den endlosen Fäldern ausgeritten sein“, sagt mein Bruder bald poetisch.
„Oder sind ziellos mit einem Bollerwagen voll Bier durch die Gegend geirrt und haben sich besoffen.“, sage ich dürster, voll Scham und Neid.
„Jedenfalls vollkommen frei, ohne jede Einschränkungen. Unvorstellbar.“, mein Bruder sagt das so, als würde er noch davon träumen – so als wäre das in naher Zukunft wieder vorstellbar.
Ich unterichte zwölf Kinder zwischen fünf und acht Jahren. Über die Fakten bleibt ihnen nicht mehr zu sagen, als sie eh schon wissen.
„Außerdem“, ruft mein Bruder aus dem Wirrwarr, „Wir sind geboren während der Eroberung des Erdbodens, was sollen wir über das Davor berichten?“
„Wir können uns noch an die Nachwehen des selbstzerstörerischen Daseins der irdischen Menschen erinnern“, überlege ich, „und wir wissen, dass das alles kein Zufall seien kann – sondern die gerechte Strafe seien muss.“
„Die Rettung. Das ist dein Problem, du denkst so negativ.“
„Ach ja?“
„Die Rotze wird nur eingeschränkt durch Schwerkraft und Wasser“, ruft er, mittlerweile weit entfernt, „und ihre einzige Bedrohung ist unsere Intelligenz, sie fordert unseren Einfallsreichtum gerade zu heraus.“
„Sehr einfallsreich sind wir: Ohne den Rotz, hätten wir die Welt vollends zerstört.“
„Ja, blöd dass wir an der Spitze der Nahrungskette gelandet sind. Es hätte so schön seien können.“, er lacht ehrlich, denn seine Gedanken sind schwerelos, „in Einklang mit der Natur.“
Meine große Schwierigkeit ist den Kindern die Wahrheit zu vermitteln. Zumindest eine mögliche Wahrheit (denn Wahrheiten gibt es viele – fast in jedem Kopf eine andere). All die Theorien und die daraus resultiernden Lebensphilosophien, beziehungsweise die Zukunftsperspektiven für uns Überlebende und die kommenden Generationen, malen ein düsteres Bild von uns Menschen. Zum Beispiel die Theorie zur End-Reinigung des Planeten, in etwa mit der Aussage: „Die Ausrottung der Seuche Mensch und Befreiung der menschlichen Spezies ist notwendig zur Wiederhestellung der Welt in einen Urzustand, in welcher das menschliche Wesen keine Daseinsberechtigung hat.“
Kurz gesagt: Der Mensch ist böse. Und das Resultat daraus: Du bist böse, du bist schlecht.
Jaja.
Ich lass mich an den Beinen an einer Befestigung kopfüber von der Decke hängen, und überlege weiter: „Für welchen Preis sind wir an die Spitze der Nahrungskette gelangt? Warum sind wir so gierig? Warum konnte der Mensch nicht im Einklang leben?“
„Sei nicht gierig nach Antworten“, sagt mein Bruder salopp, „und leb einfach im Einklang.“
„Welche Theorien darf ich den Kindern glaubhaft machen? Wie viel Hoffnung darf ich ihnen geben? Wie viel Grauen sollte ich ihnen ersparen?“
„Jetzt bist du so negativ“, stellt mein Bruder fest „vor den Kindern blühst du wieder auf“, er lacht.
Es gibt keinen Lehrplan dazu. Meine Generation soll sich eine unabhängige Meinung bilden. Nicht weil es sich die Ur-Überlebenden leicht machen wollen. Nein. Sondern weil wir die Zukunft sind.
Ich habe noch eine Stunde Zeit zu überlegen. Aber wie immer werde ich improvisieren. Ich werde auf die Kinder einzeln eingehen, und sie nach ihrer Meinung fragen. Ich werde den Kindern keine Dogmen verkaufen. Das ist mein einziges Gebot.
Zwischen unserem Übungsparkour wachsen teilweise Kletterpflanzen, so dass wir uns Weintrauben, Kiwis oder auch Pampelmusen pflücken können. Ein besseres Frühstück gibt es nicht (am gedeckten Tisch, klassisch, gemeinsam mit der ganzen Familie, zu einer festen Urzeit und bei Kerzenlicht – so wurde bei uns noch nie gegessen).
Ich schwinge mich zwischen dem Chaos hindurch und rufe zu meinem Bruder rüber: „Wir müssen hier endlich mal aufräumen und aussortieren. All das wirre Zeug macht mich wahnsinnig. Ich brauche Luft zum Atmen, Raum zum Denken!“.
„Wir fordern grenzenlose Freiheit“, ruft Lonni.
Er hat sich gerade in Hochgeschwindigkeit an der Seilbahn herunter gelassen und ist in eine Art Brustgurt an einem Bungeeseil gesprungen, um damit in einem hohen Bogen an der Außenmauer und über ein Fenster entlang zu rennen – seine eigene Art die Statik der Gemäuer zu überprüfen (er ist zwar ein bisschen jünger und viel schmächtiger als ich, aber auch viel mutiger und waghalsiger).
Wie gesagt, die meisten der Kletter-Geräte und Konstruktionen hier, dienen nur zu Probezwecken, und wurden provisorisch von uns angebracht, um später ihren Platz in freier Wildbahn zu finden, zur erleichterten und schnelleren Fortbewegung an geeigneten Stellen, oder sogar zur weiteren Erschließung von Lebensraum – aber das erklärt sich von selbst, denn all unsere Resourcen sind wertvoll und stark begrenzt. Nicht zum Spaß.
Lonni schreit enthuisastisch und allwissend: „An deiner Luft zum Atmen kann man sich nicht festhalten!“
Ich atme tief durch.
„Vielleicht ja doch“, sinniere ich, „wir müssen nur Fliegen lernen.“
Ich lache und träume vom Fliegen. Meine Hände und Arme tun weh. Ich bin zwanzig – ich werde alt. Und es klingt irgendwie affig und absurd, dass wir uns hier zum Spaß in der Halle herum schwingen, weil wir die Energie dafür schon im alltäglichen Leben benötigen. Doch ist es halt ein Riesenunterschied, ob man was zum Spaß oder aus der Not heraus macht.
In der Mitte der Halle treffen wir uns wieder, auf der zentralen Plattform.
Er schnaubt zufrieden und klopft mir auf die Schulter: „Sag ehrlich, warum bist du so niedergedrückt? Schon immer bist du so verflucht verträumt. Aber zur Zeit bist du ganz besonders abwesend und in dich gekehrt.“
„Ich weiß auch nicht“ sage ich und ich denke mir: Ich weiß nicht, aber vielleicht muss ich einfach mal aufbrechen… ausbrechen? Ich werde alt, alles tut mir weh, auch mein Kopf. Ich muss sogar so schnell wie möglich aufbrechen und ausbrechen. Das was Lisa gestern alles berichtet hat, hat mich auf verschiedene Arten aufgewühlt. Sie hat so Andeutungen gemacht, wie ich jetzt gerade auch. Aber Lisas Text wäre jetzt zu viel. Viel zu viel.
Zum Abschluss schwingen wir uns im Sonnenlicht zwischen die gigantische Fensteröffnung (die vertikale Verlängerung des ehemaligen Eingangtors).
„Wahnsinn, wie viel es in den letzten Tagen geregnet hat“, sagt Lones, „da hat Lisa Glück gehabt – sie und ihr urbanes Gefolge.“
„Ja“, ich lache „ich weiß nicht, ob das nur Glück war, sonst hätten die uns gar nicht erreichen können.“
„Egal“, sagt er, „ich scheiß auf die Metropolitaner und gönn mir eine glasklare Dusche, sowas kennen die nicht.“
Unsere zahlreichen Wasserreservoirs sind überfüllt und müssen immer noch erleichtert werden – bevor uns der Boden unter den Füßen weg bricht. Die Überläufe bieten die beste Gelegenheit für eine Dusche. Das irdische Wasser plätschert (in ausreichend Abstand zur Fassade) mit urzeitiger Gewalt herunter und schlägt auf den enderbten Boden nieder. Lones zieht sich aus und spaziert wie selbstverständlich auf einem vorstehenden, hölzernen Wartungssteg, bis unter den fantastischen Wasserfall.
„Echt jetzt?“ frage ich Lones
Der Steg wird schon lange nicht mehr genutzt, weil jeder Versuch die kinetische Energie des darunterliegenden Flusslaufs zu nutzen, um Strom zu erzeugen, kläglich gescheitert ist.
„Ja klar,“ sagt er selbstbewusst, „wenn das einstürzt, fliegen wir davon.“
„Na gut“, sage ich. Lonnis Vorhaben ist nur halbwegs leichtsinnig, eigentlich doch recht sicher. Das Holz ist nur von glitschigem Moos überzogen, immerhin nicht morsch. Deswegen mache ich es ihm nach.
Danach wollen wir uns auf der breiten Fensterbank in der Morgensonne trocknen lassen… chillen… aber jetzt kann ich Folgendes kaum niederschreiben: Bevor wir uns ausbreiten und es uns gemütlich machen können, ruft mein Bruder erschrocken aus: „Da unten! Was ist das? Wer ist das!?“
Er zeigt auf irgendetwas Irritierendes im hohen Gras in der Nähe des Flussufers. Man kann es nur von hier, aus diesem Winkel sehen. Lones ist zum Glück kurzsichtig, deswegen redet er irgendwas weiter. Ich erkenne sofort die „Hells Angles“-Jacke von unserem Vater. Und ich weiß: Er ist tot.
Ich wusste es schon Davor.
Und ich wusste auch, dass Lisa Unheil bringen würde.
5. Aufzeichung (unbekannt) – Theorien
Die Zufallstheorie
Die Reinigungstheorie
Usw.
6. Anatol Weiz 04/2036
„Sicherheitskontrolle!“, schrillt es neben mir, „sofort anhalten!“
Vielleicht ist es doch ein Fehler gewesen, durch die Absperrung am äußeren Ring zu fahren, aber da weder der Golf noch ich einen Chip zur automatischen Erkennung haben, war das Passieren problemlos möglich. Es ist Mittag und kaum Verkehr. Vielleicht wurde auch der Straßenverkehr eingeschränkt. Ich bin einfach vollkommen vogelfrei durch die Piktogramme hindurchgefahren. Allerdings fliegt jetzt eine Militärdrohne neben mir her, und fordert mich auf, das Fenster herunterzufahren. Ich hab das Ding schon im Rückspiegel gesehen, und mir meine Kaputze übergezogen. Diese Schweine. Das hat man wohl davon, wenn man alle Zeichen ignoriert. Scheinbar stand auf der Absperrung nicht ganz umsonst in fetten, roten Lettern über die Straße projeziert: „Notstand. Zufahrt zum Innenbereich gesperrt. Zufahrt nur für registrierte Anliger. Nur mit Voranmeldung. Notstand. Stehen bleiben… sofort stehen bleiben“ …und so weiter. Dahinter ein erschreckend großes und pulsierendes Stoppschild, wie eine Mauer. Außerdem klingelt mein Handy im Kofferaum, pausenlos, und macht zudem komische Alarmgeräusche. Über dem Golf zeigen vermutlich rote Pfeile auf uns, wie im SciFi. Ich bin jedoch noch lange nicht gewillt auszusteigen und nachzuschauen, ich sehe keinen Bedarf oder Zusammenhang, alles ist ruhig, die Straßen sind leer, fast zu leer. Wie mein Tank. Aber Tankstellen gibt es nicht mehr und vorm Baumarkt war die Hölle los.
Ohne den Blick von der Straße zu wenden, äffe ich mit verstellter Stimme: „Ich dachte, ihr habt heute Flugverbot?!“
Die Drohne nervt zwar brutal mit ihrem ständigen Geleier und so Kommandos wie: „Nehmen Sie die Kopfbedeckung zur Identifizerung ab“, aber ich scheiß auf automatisierte Staatsgewalt und fahre einfach weiter. Was will das Ding schon machen? Ich habs nicht mehr weit. Ich fahre auf den alten Busbahnhofs unterm Olympiastadium und parke vor einer freien Ladesäule (leider ist der Golf kein Hybrid). Bevor ich aussteige, ziehe ich mir die Kaputze noch tiefer ins Gesicht.
Die Drohne blökt erbamungslos: „Befolgen Sie jetzt die Anweisungen, sonst folgt die Festnahme. Es herrscht Ausnahmezustand“
„Notstand dachte ich?“, frage ich frech, und würde viel lieber fragen: „warum eigentlich das Ganze?“, aber ich möchte mir nicht die Blöße und mich schon gar nicht zu erkennen geben. Egal, gleich bin ich da, dann klärt sich alles auf.
„Not- und Ausnahmezustand. Katastrophe!“, schallt das Fluggerät unbestimmt, „Also sofort Ausweisen!“
Ich frage: „Ausweisen oder Aussteigen?“
„Beides, egal wie rum, keine Fragen mehr.“
„Ich habe keine Zeit, ich muss dringend zu einer Gehirn OP, Boxer Krankheit“
„Verarschen kann ich mich selbst“, übernimmt offensichtlich ein Mensch mit genervter Männerstimme das Sprachkomanndo, wobei man KI und Mensch kaum unterscheiden kann.
„Ich habe echt keine Zeit, sonst komme ich zu spät“, beharre ich, „kümmern Sie sich um wichtigere Sachen als um unschuldige Bürger mit Hirnschaden, kümmern Sie sich um den Not-Zustand oder so. Gegen mich liegt nichts vor.“
„Das kann ich leider erst feststellen, wenn ich sie identifizert-…“
Die Drohne wird unterbrochen, scheinbar von einem inneren Alarmsignal, von dem ich nichts mitbekomme.
„Wir haben Sie auf dem Schirm“, sagt jetzt eine Frauenstimme förmlich und ich werde blitzartig von oben nach unten gescannt. Dann schwirrt die Drohne tatsächlich ab. Scheinbar hat sie an mir nichts Bedrohliches feststellen können. Und tatsächlich Besseres zu tun. Seit die KI menschlich und fehlerhaft ist, ist sie auch nicht mehr das, was sie mal war: Nett.
Ich kann es mir nicht verkneifen, und rufe der Drohne noch hinterher: „Und jetzt einfach abschwirren, wer wundert sich da noch, dass alle durchdrehen, bei solch chaotischen Zuständen!“
Alleine bleibe ich auf dem Parkplatz in der Bullenhitze stehen. Hier wirft rein gar nichts Schatten. Lisas und Colettes Wohnung befindet sich weit oben in den entfernten Olympiatürmen. Ich bin immer noch früh dran, und nicht nur deswegen ziehe ich mir ein laues Dosenbier am Automaten und spüle es gleich runter. Die Sonne knallt senkrecht auf den Asphalt, aber zum Glück kenn ich Schleichwege durchs Gebüsch. Ich schieb mich zwischen die Äste, es stinkt nach Pisse. Auf dem schmalen Trampelpfad kommt mir ein zweimeter langer Typ mit geducktem Kopf zwischen den knochigen Schultern, wie ein aufrechter Geier entgegen (würd mich nich wundern, wenn ich gleich noch einem Känguru begegne). Er trägt eine viel zu große Security Uniform und versucht sich gleichzeitig in dem dürren Gestrüpp zu verstecken. Das wirkt echt lustig, aber wahrscheinlich trägt er die Uniform nur als ironisches Symbol gegen die Staatsgewalt und als Protest gegen die Ausbeutung der Unterschicht, und nicht um Autorität auszustrahlen.
„Ey“, sage ich „was isn hier eigentlich im Gange?“
„Wasn?“, fragt er unsicher, „i-geh-hie-nu-lang.“
„Sorry, ich mein nich dich sondern wegen dem Katastropenalarm und so?“
„Ach“, macht er abfällig und ein chemischer Gestank kommt zwischen seinen schlechten Zähnen herangeflutet, „de wolln uns vonne Strase habn.“
Ich reiß mich zusammen: „Mich hat grad ne Drohne mittn bei ner Kontrolle stehn gelassen, die wollt nich mal meine ID.“
„Ja, a-beidn wolln die au nich.“
„Arbeiten ne, will keiner mehr. Aber eine Drohne geht doch nich zum Donut essen, oder was?“
„Akku-le, was weis ich. Hasde nich aufs Handy geschaun“
„Ne“
„Achso, machs de nich so?“
„Ne, mach ich nich. Also?“
„Weis nich, fasln was von unbekannte -dro-ung, unbekannte -sache, unbekannte Hekunf, alle unbekann, egalde sollsde zuhause bleibn. Abe is nu Show, de wollns einspen, weils de freiwillig nich drin bleibs.“
„Wahrscheinlich“, sag ich. Wir schieben die knochigen Äste zur Seite und uns selbst aneinander vorbei. Armer Kerl, ich würd ihm gerne was geben, wenigstens ein guten Ratschlag, aber mir fällt nichts ein. Ein Spaziergang im Grünen macht er ja schon. Und sowieso weiß er mehr als ich: Unbekannte Bedrohung? Zuhause bleiben? Was für ein Scheiß schon wieder.